Retten wo andere Feiern

..........Einen Abend begleite ich die Sanitäter des DRK Kreisverbandes Brandenburg bei ihrer Arbeit in Wenzlow. Die Mitglieder tun dies freiwillig, sind alle ehrenamtlich dabei, die meisten beim Jugendrotkreuz. Ich werde von drei Leuten in rot-leuchtender Uniform begrüßt. Für die Helfer des DRK scheint es ein entspannender Abend zu werden. Anne Liebscher, 20, zeigt mir den Krankentransportwagen von innen. „Für die Erstversorgung sind wir hier bestens ausgestattet. So können wir Personen mit Verletzungen von größeren Knochen, wie der Wirbelsäule schonend mit der Vakuummatratze transportieren“, erklärt sie und zeigt auf eine leuchtend-orange Matte an der Seite des KTW. Anne ist seit sechs Jahren für den DRK im Einsatz.

Plötzlich wird die Tür des Fahrzeuges aufgerissen, die zwei weiteren Sanitäter Helen Schuster und Mathias „Matze“ Benke stürmen rein. Im Schlepptau 
eine Frau, die kurz vor der Bewusstlosigkeit zu sein scheint. Sofort werden die Vitalwerte (Blutdruck,Puls und Blutzucker) gecheckt, die Frau befragt. „Die Frau leidet an Bluthochdruck. Nach zwei Energizern und vielen stressigen Situationen macht der Kreislauf nicht mehr mit“, erklärt mir Matze. Vor dem Wagen versucht Anne die Familie der Frau zu beruhigen. „Es kann manchmal echt schwierig sein, Personen zu beruhigen, die sich um ihre Liebsten kümmern. Dann ist es wichtig, ruhig und freundlich, aber auch deutlich zu bleiben“, weiß die DRK-Helferin. Der Frau wird ein Taxi bestellt. Für die Bardame hat sich der Abend erledigt, doch „Sie ist stabil, kann mit Begleitung nach Hause fahren. Ruhe ist jetzt wichtig“, spricht Matze aus Erfahrung.
Eine Verschnaufpause haben die Helfer nicht. Eine junge Frau kommt angerannt. Ihr wurde das Lippenbändchenpiercing zur Hälfte herausgerissen. Für Mathias Benke, er arbeitet hauptberuflich als Rettungssanitäter, keine schwierige Aufgabe. Eine Minute später ist das Piercing raus. Das die Sanitäter im Laufe des Abends noch einmal auf die Frau treffen werden, wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Zur gleichen Zeit fordert Matze einen zweiten Wagen und einen zusätzlichen Rotkreuz-Helfer, Sebastian Schmitz, an. Für die drei ist die Arbeit kaum zu schaffen. „Eigentlich sollten drei Leute ausreichen. Das ist hier anders. „Im Jahr haben wir drei bis vier Einsätze bei größeren Dorffesten wie hier in Wenzlow. Weiterhin gibt es beim Brandenburger Havelfest für uns immer viel zu tun. Auch zu einem schweren Verkehrsunfall im Dezember 2011 auf der A9 wurden wir gerufen“, erinnert sich Matze: „Es war neblig, keiner hat die Hand vor Augen sehen können. Es war schwierig, einen Überblick von der Situation zu bekommen. Überall standen Autowracks und es herrschte Totenstille“, so Mathias Benke.

Nach einer kurzen Verschnaufspause für die Rettungssanitäter meldet sich die Security. Ein junger Mann liegt regungslos auf einem Tisch im Festzelt. Anne und Helen schnappen sich eine knallrote Tasche und gehen ins Festzelt. 
Das Zelt ist voll, ein Durchkommen ist nur schwer möglich. In einer Ecke finden sie den jungen Mann. Anne öffnet die Tasche. Dort befinden sich sämtliche Utensilien zur Erstversorgung. Mit der Diagnostikleuchte, einer kleinen Taschenlampe, werden die Augen des fast bewusstlosen Mannes gecheckt. Anne und Helen bringen den Betroffenen in den KTW. Dort folgen weitere Untersuchungen, auch der Blutdruck wird gemessen. „Das sieht ganz nach einer Mischintoxikation aus. Vermutlich K.O.-Tropfen, denn der Mann beteuert, außer zwei, drei Bier, nichts zu sich genommen zu haben“, vermutet Matze, nachdem er die unterschiedlich großen Pupillen des Mannes sieht. Für Matze „ein klarer Fall für den Rettungsdienst.“ Der junge Herr kommt über Nacht ins Brandenburger Krankenhaus. Dort werden weitere Untersuchungen veranlasst.

Fast zeitgleich liegt die schon bekannte Frau im zweiten Wagen des DRK. Sie scheint stark alkoholisiert, ist schwer bei Bewusstsein zu halten. Auch sie wird über Nacht im Brandenburger Klinikum bleiben. „Klassische Betrunkene gibt es kaum noch. Besonders Gewalt bei alkoholisierten Personen nimmt immer weiter zu“, weiß Mathias Benke. Im Fall der jungen Frau gibt es keine Gefahr für die Sanitäter, doch in den nächsten Stunden werden die Sanitäter noch das Gegenteil erleben. Drei Uhr ist es jetzt, Matze ruft zur Sicherheit drei weitere DRK-Helfer plus einen dritten Wagen dazu. Zur Sicherheit. Die drei dazugerufenen, Nicole Schrader, Daniel Kühne und Steven Grabow, haben kein Problem damit, kurzfristig dazugerufen zu werden, denn „es herrscht eine sehr angenehme Atmosphäre bei den Mitglieder des DRK. Jeder hilft gerne. Wer davon nicht viel hält, ist falsch bei uns“, betont Anne. Neben der Erstversorgung von Verletzten, müssen die Sanitäter oftmals Einfühlungsvermögen zeigen. „Bei einer Absicherung wie heute muss der Sanitäter für den Patienten auch Freund, Psychologe und Seelsorger sein können“, so Matze. Aber „manchmal ist es echt schön, wenn sich Patienten bei uns dankbar zeigen. Dann wissen wir, warum wir das alles machen.“ Ein schlimmes Erlebnis brachte Mathias Benke erst zur Wasserwacht, dann zum Rettungsdienst des DRK: „Damals habe ich miterlebt wie ein 1 1/2-Jähriges Kind im Gartenteich ertrunken ist und ich ihm nicht helfen konnte. Das war der Grund für mich. etwas zu ändern.“

Gegen fünf Uhr werden einige Helfer auf den Parkplatz gerufen. Eine Person ist bewusstlos. „Wir kleben einen 12Kanal EKG und bereiten die Absaugung vor“, erläutert Matze kurz.

Kurz nach sechs Uhr. Auch dieser Patient wird die Nacht im Krankenhaus verbringen müssen.
Kurze Verschnaufspause für die Sanitäter. Die feiernde Menge wird langsam überschaubar. Auf einmal eine Schlägerei, in der mehrere Personen verwickelt sind. Eine Person muss behandelt werden. „Wir haben hier den Verdacht auf Gehirnerschütterung und einer Unterkieferfraktur“, vermutet Mathias Benke und leitet den Abtransport ins Städtische Klinikum ein.

Sieben Uhr: Für die sieben Helfer des DRK ist Schluß in Wenzlow. Eine aufregende Nacht geht vorbei. Im Kreisverband Brandenburg angekommen folgt der letzte Akt der Schicht. Die Fahrzeuge werden gereinigt und wieder einsatzbereit gemacht. Gegen 8.30 Uhr liegt der letzte DRK-Helfer im Bett. 

 

 

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